Philosophie

Freiheit als Bürde: Der Kern des Existentialismus

Was bedeutet Existentialismus? Ein essayistischer Überblick über Freiheit, Verantwortung und die Frage nach dem Sinn — mit Sartre, Camus und Kierkegaard.

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Was bedeutet Existentialismus? — diese Frage klingt nach Einführungsvorlesung, nach dem Reclam-Heft, das man mit zwanzig im Rucksack trug. Aber sie steckt tiefer als jede akademische Definition vermuten lässt. Der Existentialismus ist keine Schultradition wie der Empirismus oder eine Systemphilosophie wie der Deutsche Idealismus. Er ist ein Aufschrei, der sich in Bücher verwandelt hat: Wir sind ohne Grund hier, ohne vorgegebene Natur, ohne ein Wesen, das uns vorausgeht — und aus dieser Leere folgt nicht Nihilismus, sondern Aufgabe.

Was bedeutet Existentialismus? Eine erste Annäherung

Der Begriff taucht zuerst Mitte des 20. Jahrhunderts in Paris auf, wird Sartre zugeschrieben und von ihm zunächst abgewehrt, ehe er ihn 1945 in seinem berühmten Vortrag L’existentialisme est un humanisme für sich beansprucht. Das Wort selbst ist eine Zusammensetzung: Existenz — das bloße Dasein, das Vorhandensein vor jeder Bestimmung — und -ismus als Suffix für eine Denkrichtung oder Haltung.

Die Grundformel lautet: Die Existenz geht der Essenz voraus. Das klingt trocken, ist aber eine philosophische Provokation. In der klassischen Metaphysik war es umgekehrt: Ein Ding hat zuerst eine Essenz — ein Wesen, eine Bestimmung, einen Zweck —, und danach existiert es. Ein Messer existiert, weil jemand den Begriff „Messer" gedacht hat; sein Wesen (Schneiden) geht seinem Dasein voraus. Sartre dreht das um: Der Mensch kommt als nacktes Faktum auf die Welt, ohne vorgegebenes Wesen, ohne einen Schöpfer, der ihm bereits eine Funktion eingeschrieben hat. Erst durch seine Entscheidungen, seine Handlungen, sein Entwerfen auf die Welt hin — erst dadurch wird er, wer er ist.

Das ist keine tröstliche Botschaft. Es ist eine, die zunächst Schwindel erzeugt. Denn wenn niemand vorher festgelegt hat, wer ich bin und wozu ich da bin, dann liegt die Verantwortung für mein Leben ausschließlich bei mir — vollständig, ausnahmslos, ohne Ausrede.

Wer mehr über den Kerngedanken lesen möchte, dass die Existenz der Essenz vorausgeht, findet dort eine vertiefte Auseinandersetzung mit Sartres berühmtem Brieföffner-Beispiel.

Die Freiheit als Kern des Existenzialismus: Warum wir zur Wahl verdammt sind

Sartre schreibt, der Mensch sei „zur Freiheit verurteilt". Der Satz ist mit Bedacht paradox formuliert. Freiheit klingt nach Befreiung, nach dem Öffnen einer Tür — aber Sartre meint etwas Schwereres: Die Freiheit ist keine Gabe, die man annehmen oder ablehnen kann. Man kann nicht nicht wählen. Auch die Weigerung zu wählen ist eine Wahl; auch das Zurückziehen in Routinen, das Befolgen von Konventionen, das Sagen „ich hatte keine andere Möglichkeit" ist eine Entscheidung — sie ist nur eine unehrliche.

Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt: Er kann nicht aus ihr heraustreten, er kann nur ehrlicher oder unehrlicher mit ihr umgehen.

Diese Radikalität hat einen Namen: Mauvaise foi, schlechter Glaube, Selbsttäuschung. Wenn jemand sagt: „Ich kann nicht anders, das ist meine Natur" — dann flüchtet er vor der Freiheit. Der Kellner, der so vollständig Kellner ist, dass er seine ganze Existenz in dieser Rolle aufgehen lässt, spielt, sagt Sartre, eine Rolle. Er behandelt sich selbst wie ein Ding, das eine feste Funktion hat — wie den Brieföffner.

Die Freiheit ist daher zugleich das Ehrwürdigste und das Beängstigendste am menschlichen Dasein. Kierkegaard, der dänische Theologe und Vorläufer des Existenzialismus, nannte dieses Schwindelgefühl vor der eigenen Freiheit Angst — nicht Furcht vor einem bestimmten Gegenstand, sondern Angst vor der Möglichkeit selbst. Angst als das Schwindeln des Blicks in einen Abgrund, der die eigene Offenheit nach vorn ist.

Wahlfreiheit in diesem existenzphilosophischen Sinn bedeutet also nicht: viele Optionen im Supermarkt haben. Sie bedeutet: kein Wesen, keine Natur, kein Gott, keine Geschichte entbindet mich davon, für das einzustehen, was ich tue.

Sartre, Camus und Co.: Die wichtigsten Vertreter und ihre Ansätze

Der Existentialismus ist keine Schule mit einem kanonischen Lehrplan, sondern eine Konstellation von Denkern, die um verwandte Fragen kreisen — und dabei erstaunlich verschiedene Antworten geben.

Jean-Paul Sartre (1905–1980) ist die Zentralfigur des atheistischen Existenzialismus. Sein Hauptwerk Das Sein und das Nichts (1943) ist eine phänomenologische Untersuchung des Bewusstseins und der Freiheit. Sartre denkt den Menschen als ein Wesen, das immer über sich selbst hinaus ist — das sich entwirft, projektiert, nie abgeschlossen. Simone de Beauvoir, seine Lebensgefährtin und philosophische Weggefährtin, wendet dieselbe existenzialistische Grundfigur auf die Lage der Frau an: „Man wird nicht als Frau geboren, man wird es" — einer der prägnantesten Sätze des gesamten 20. Jahrhunderts.

Albert Camus (1913–1960) wird oft dem Existenzialismus zugerechnet, hat diese Zuordnung aber selbst zurückgewiesen. Sein Begriff ist das Absurde: die Spannung zwischen dem menschlichen Verlangen nach Sinn und der stummen, gleichgültigen Welt. In Der Mythos des Sisyphos (1942) stellt er die Frage, ob das Leben angesichts dieser Absurdität noch lebenswert sei — und antwortet, man müsse sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen. Nicht weil Leiden schön wäre, sondern weil die Revolte gegen die Sinnlosigkeit selbst eine Form von Würde ist.

Martin Heidegger (1889–1976) gilt als philosophischer Vorläufer, auch wenn er den Begriff Existenzialismus ablehnte. Seine Analyse des In-der-Welt-Seins, des Daseins und der Eigentlichkeit hat das Denkvokabular maßgeblich geprägt. Das Geworfensein — der Mensch wird in eine Situation geworfen, die er sich nicht ausgesucht hat — und das Sein-zum-Tode — die Endlichkeit als strukturierendes Moment jedes Lebens — sind Heideggersche Begriffe, die ins existentialistische Denken eingegangen sind.

Søren Kierkegaard (1813–1855) schließlich wird oft als Urvater des Existenzialismus betrachtet. Seine Frage nach dem Verhältnis des einzelnen Individuums zu Gott, seine drei Stadien der Existenz (das Ästhetische, das Ethische, das Religiöse) und sein Bestehen darauf, dass echtes Denken immer persönliches Denken ist — das sind die Quellen, aus denen alle späteren Existenzialisten trinken, auch die atheistischen.

Existenzialismus vs. Nihilismus: Die Suche nach Sinn in der Sinnlosigkeit

Ein naheliegendes Missverständnis: Wenn der Existenzialismus lehrt, dass es keinen vorgegebenen Sinn gibt, ist er dann nicht einfach Nihilismus? Die Antwort ist nein — und das Nein ist der eigentliche Kern.

Der Nihilismus, wie ihn Nietzsche als kulturelle Diagnose beschrieb, sagt: Die höchsten Werte entwerten sich selbst. Gott ist tot; was bleibt, ist Wertlosigkeit. Nihilismus ist eine Beschreibung eines Zustands und kann als Lähmung enden — wenn es keinen Sinn gibt, warum dann handeln?

Der Existenzialismus akzeptiert die Diagnose — es gibt keinen vorgegebenen, kosmischen Sinn — zieht aber andere Konsequenzen. Der Mensch ist gerade weil es keinen vorgegebenen Sinn gibt, aufgerufen, selbst einen zu schaffen. Das ist kein Trost im sentimentalen Sinn. Es ist eine Zumutung. Camus’ Sisyphos rollt den Stein nicht, weil er Hoffnung hat, dass er oben bleibt. Er rollt ihn, weil das Rollen selbst sein Tun ist, sein Aufbegehren, seine Antwort auf das Absurde.

Sartre geht noch einen Schritt weiter: Wenn ich wähle, wie ich lebe, wähle ich zugleich ein Bild des Menschen. Jede meiner Entscheidungen enthält implizit eine Aussage darüber, wie Menschen leben sollten. Das verleiht der existenzphilosophischen Freiheit eine moralische Schwere, die der Nihilismus systematisch vermeidet. Verantwortung, nicht Gleichgültigkeit, ist die Konsequenz aus der Sinnlosigkeit.

In diesem Sinn ist der Existenzialismus — trotz allem — eine Form von Humanismus: Er setzt auf den Menschen, nicht als gegebene Natur, sondern als Aufgabe.

Die praktische Relevanz: Wie man existentialistisch lebt

Es wäre unredlich, den Existenzialismus als rein akademische Angelegenheit zu behandeln. Die Fragen, die er aufwirft, sind Fragen des Lebens, nicht nur des Lehrsaals.

Authentisch zu leben, im existenzialistischen Sinn, bedeutet nicht, sich besonders auffällig zu kleiden oder gegen Konventionen zu verstoßen. Es bedeutet, die eigenen Entscheidungen als die eigenen anzuerkennen — ohne die Flucht in Determinismus, Tradition oder Rollenerwartung. Es bedeutet auch, die Angst vor dieser Erkenntnis auszuhalten, statt sie durch Beschäftigung, Konsum oder Routine zu betäuben. Heidegger nennt die uneigentliche Lebensweise das Man: man lebt so, wie man eben lebt; man denkt, was man eben denkt; niemand ist verantwortlich, weil alle Verantwortung im anonymen Man aufgelöst ist.

Kierkegaard formulierte seine drei Existenzstadien nicht als Entwicklungsstufen, die jeder notwendig durchläuft, sondern als Möglichkeiten, zwischen denen man — jederzeit — wählt: das ästhetische Leben als Suche nach Reiz und Erfahrung; das ethische als Bindung an Normen; das religiöse als persönliche, ungesicherte Beziehung zum Absoluten.

Für die Leserin, die diesen Text abends liest und morgen zur Arbeit fährt, klingt das vielleicht abstrakt. Aber die existenzialistische Frage ist konkret: Wähle ich dieses Leben wirklich — oder lasse ich mich von ihm leben? Tue ich das, was ich tue, weil ich mich entschieden habe, es zu tun, oder weil es sich so ergeben hat, weil andere es erwarten, weil der Weg des geringsten Widerstands mich hierhin geführt hat?

Das ist keine Aufforderung zur ständigen Selbstbefragung bis zur Lähmung. Es ist eher eine Einladung zur Klarheit: hin und wieder innezuhalten und sich zu fragen, welche Entscheidungen man tatsächlich trifft — und welche man sich einbildet, nicht getroffen zu haben.

Das philosophische Projekt des Existenzialismus als Strömung des 20. Jahrhunderts ist längst Geschichte. Aber die Fragen, die es gestellt hat — nach der Freiheit, nach der Verantwortung, nach dem Sinn, den man selbst herstellen muss —, bleiben offen. Sie sind, solange es Menschen gibt, die sich fragen, warum sie hier sind, immer noch aktuell.

Häufige Fragen (FAQ)

Häufige Fragen

Was bedeutet Existentialismus einfach erklärt?
Existentialismus ist eine philosophische Strömung des 20. Jahrhunderts, die davon ausgeht, dass der Mensch ohne vorgegebenes Wesen oder Zweck auf die Welt kommt. Der Kernsatz lautet: Die Existenz geht der Essenz voraus. Das bedeutet: Wir definieren uns nicht durch eine angeborene Natur, sondern durch unsere Entscheidungen und Handlungen. Daraus folgt radikale Freiheit — und ebenso radikale Verantwortung.
Wer ist der Begründer des Existenzialismus?
Als geistiger Vorläufer gilt der dänische Philosoph Søren Kierkegaard (1813–1855), der als Erster die Perspektive des einzelnen Individuums ins Zentrum des Denkens rückte. Als Hauptvertreter des modernen Existenzialismus gilt Jean-Paul Sartre, der den Begriff 1945 in seinem Vortrag ‘Der Existenzialismus ist ein Humanismus’ für sich beanspruchte.
Was ist der Unterschied zwischen Existenzialismus und Nihilismus?
Beide Richtungen verneinen einen vorgegebenen, kosmischen Sinn des Lebens. Der Nihilismus bleibt bei dieser Verneinung stehen und kann in Lähmung münden. Der Existenzialismus zieht die entgegengesetzte Konsequenz: Gerade weil es keinen vorgegebenen Sinn gibt, ist der Mensch aufgerufen, selbst einen zu schaffen. Freiheit bedeutet Aufgabe, nicht Gleichgültigkeit.
Was bedeutet 'Die Existenz geht der Essenz voraus'?
Dieser Kernsatz Sartres besagt, dass der Mensch — anders als ein hergestelltes Objekt — kein vordefiniertes Wesen oder einen festgelegten Zweck mitbringt. Ein Messer hat eine Essenz (Schneiden), bevor es gebaut wird. Der Mensch existiert zuerst und bestimmt durch seine Entscheidungen und sein Handeln erst, wer er ist. Es gibt keinen Schöpfer, der ihm seine Funktion eingeschrieben hat.
Ist Existenzialismus eine optimistische oder pessimistische Philosophie?
Weder noch — oder beides zugleich. Die Diagnose ist nüchtern: keine vorgegebene Natur, kein gesicherter Sinn, die Angst vor der eigenen Freiheit. Aber die Konsequenz ist kein Pessimismus: Sartre nennt den Existenzialismus ausdrücklich einen Humanismus, weil er auf die menschliche Fähigkeit setzt, sich zu entwerfen. Camus besteht darauf, Sisyphos als glücklich vorzustellen. Es ist eine Philosophie der Verantwortung, nicht der Hoffnungslosigkeit.