Philosophie
Warum die Existenz der Essenz vorausgeht
Sartres These, dass Existenz der Essenz vorausgeht, erklärt: Ursprung, das Brieföffner-Beispiel, radikale Freiheit und der Mensch als Projekt.

Der Satz klingt zunächst wie eine grammatische Umkehrung, deren Pointe man leicht überhört: Existenz geht der Essenz voraus. Jean-Paul Sartre hat diesen Gedanken 1945 in einem Pariser Vortrag formuliert, und er ist, bei aller Kürze, einer der radikalsten Sätze der europäischen Geistesgeschichte. Er behauptet nicht weniger, als dass der Mensch kein Wozu mitbringt — dass er, bevor er irgendetwas ist, zunächst nur da ist, und dass alles andere, was er sein wird, ausschließlich das Ergebnis seines eigenen Tuns ist.
Die Definition: Was bedeutet „Existenz geht der Essenz voraus"?
Um zu verstehen, warum dieser Satz so viel verschiebt, muss man sich kurz vergegenwärtigen, gegen welche Tradition er sich wendet. Seit Aristoteles hat die westliche Philosophie Dinge und Wesen durch ihre Essenz bestimmt — durch das, was sie wesentlich sind, bevor sie in die konkrete Wirklichkeit eintreten. Eine Rose ist zunächst als Rose gedacht, bevor sie blüht. Ein Haus ist als Haus entworfen, bevor der erste Stein gelegt wird. Die Essenz — der Begriff, der Zweck, die Natur — geht der Existenz voraus.
In der theologischen Tradition wird dieser Gedanke auf den Menschen ausgeweitet: Gott schafft den Menschen nach einem Plan, mit einer bestimmten Natur und einem Ziel. Der Mensch tritt in die Welt ein mit einer Essenz, die ihm vorausgeht. Er ist etwas, bevor er handelt.
Sartre dreht diese Ordnung um. Für ihn existiert der Mensch zuerst — er findet sich in der Welt vor, ohne Anleitung, ohne vorgegebenen Zweck, ohne Natur, die ihm sagt, was er tun soll. Die Essenz — wer er ist, was er bedeutet, welchen Charakter er hat — entsteht erst durch die Summe seiner Entscheidungen und Handlungen. Nicht durch Abstammung, nicht durch göttliche Schöpfung, nicht durch biologische Bestimmung.
Das ist der Kern des existenzialistischen Definition: Die Existenz des Menschen ist das Primäre. Die Essenz kommt danach. Aus dieser Umkehrung folgt, dass der Mensch sich selbst entwirft — und dass er für diesen Entwurf vollständig verantwortlich ist. Wer tiefer in die erkenntnistheoretischen Voraussetzungen dieses Denkens einsteigen möchte, findet in der Betrachtung zur Erkenntnistheorie einen nützlichen Hintergrund.
Sartres Brieföffner: Ein Beispiel zur Illustration der Essenz
Sartre selbst ist sich bewusst, dass diese These einer Anschauung bedarf, und er greift zu einem denkbar unphilosophischen Gegenstand: einem Brieföffner. Das Sartre Brieföffner Beispiel ist deshalb so prägnant, weil es den Kontrast zwischen Dingen und dem Menschen mit einer fast pädagogischen Klarheit aufzeigt.
Der Brieföffner, erklärt Sartre, existiert nach einer vorgedachten Essenz. Ein Handwerker hat ihn hergestellt, und bevor das Metall in Form gebracht wurde, war der Zweck des Gegenstands bereits bestimmt: Briefe zu öffnen. Die konzipierte Essenz — der Plan, der Zweck, die Funktion — geht der Existenz des Objekts voraus. Das gilt für jeden hergestellten Gegenstand. Die Essenz liegt beim Hersteller, bevor das Ding in der Welt ist.
Beim Menschen, so Sartres Argument, ist das anders — zumindest wenn man aufgehört hat zu glauben, dass es einen göttlichen Hersteller gibt. Im atheistischen Existenzialismus gibt es keine übergeordnete Instanz, die den Menschen nach einem Plan erschaffen hat. Der Mensch findet sich vor — unvermittelt, ohne Benutzeranleitung, ohne einen vorangehenden Begriff von sich selbst. Er ist, bevor er weiß, was er ist.
Der Brieföffner hat seine Natur im Entwurf seines Herstellers. Der Mensch hat keinen Hersteller, der ihm vorausdachte, was er sein soll.
Diese Gegenüberstellung ist nicht bloß didaktisch. Sie macht deutlich, dass die Frage nach dem Sinn des eigenen Lebens nicht durch einen Blick auf eine bereits vorhandene Essenz beantwortet werden kann. Man kann sie nur durch gelebte Entscheidungen beantworten — und das ist, wie Sartre zeigt, sowohl eine Befreiung als auch eine Last. Wer die Geduld aufbringt, diesen Gedanken wirklich einen Begriff zu Ende denken zu lassen, wird feststellen, dass er mehr Konsequenzen hat, als er auf den ersten Blick verspricht.
Der Mensch als Projekt: Freiheit und die Qual der Wahl
Wenn die Essenz des Menschen nicht gegeben, sondern gemacht ist, dann ist der Mensch kein Ding mit fester Natur, sondern ein Projekt. Der Mensch als Projekt — das ist eine der produktivsten Denkfiguren des Existenzialismus. Er ist nicht, was er ist; er ist, was er tut, und was er noch tun wird.
Die radikale Freiheit, die Sartre damit proklamiert, ist keine Einladung zur Leichtigkeit. Sie ist das Gegenteil. Denn wenn der Mensch nicht auf eine vorgegebene Essenz zurückgreifen kann, wenn es keine Natur, keine Gott, keine gesellschaftliche Rolle gibt, die ihm sagt, was er tun soll — dann trägt er die gesamte Verantwortung des Einzelnen für jede seiner Entscheidungen selbst. Es gibt keine Instanz, an die man delegieren könnte. Kein „Ich konnte nicht anders, das ist meine Natur." Kein „Die Umstände haben mich gezwungen."
Das klingt zunächst wie eine These über individuelle Moral. Es ist aber mehr. Sartre argumentiert, dass jeder Mensch, wenn er wählt, implizit auch für alle anderen Menschen wählt — weil er durch sein Handeln ein Bild des Menschen entwirft, das er für gültig hält. Eine Entscheidung, die nur mich betrifft, gibt es in diesem Sinne nicht. Jede Wahl ist zugleich eine Stellungnahme darüber, wie Menschen sein sollten.
Die Qual der Wahl entsteht nicht aus der Menge der Optionen, sondern aus der Abwesenheit jedes externen Maßstabs. Man wählt ohne Netz, ohne Garantien, ohne das Wissen, ob man richtig wählt. Das ist, was Sartre mit der Verantwortung des Einzelnen meint: nicht Pflicht im moralischen Regelsinne, sondern das Gewicht, das jede Entscheidung mit sich trägt, weil sie unvertretbar ist.
Die Angst und die Verlassenheit: Konsequenzen der Existenz
Aus dieser Freiheit ohne Fundament erwachsen zwei Grundstimmungen, die Sartre ausführlich beschreibt: die existenzielle Angst und die Verlassenheit.
Die Angst ist nicht die Furcht vor einem konkreten Gegenstand — vor Höhen, vor Krankheit, vor dem Tod. Sie ist das Schwindeln angesichts der Freiheit selbst. Der Mensch bemerkt, dass er nicht nur frei ist zu handeln, sondern dass er gar nicht anders kann, als zu handeln — dass sogar das Nichtstun eine Entscheidung ist, für die er einsteht. Es gibt kein Außerhalb der Freiheit. Diese Einsicht erzeugt Schwindel, weil es kein Geländer gibt, an dem man sich festhalten könnte.
Die Verlassenheit ist das Pendant dazu: der Mensch ist allein mit seiner Freiheit. Im atheistischen Existenzialismus — und Sartre betont die Unausweichlichkeit dieses Ausgangspunkts — gibt es keine Werte, die von Gott gestiftet, keine Natur, die Orientierung bietet, keine Tradition, die verbindlich vorschreibt. Man kann sich auf nichts stützen außer der eigenen Entscheidung. Das ist nicht Einsamkeit im psychologischen Sinn, sondern eine ontologische Grundsituation: Man ist grundlos in der Welt, und niemand nimmt einem die Notwendigkeit ab, sich zu verhalten.
Sartre hält diese Verlassenheit nicht für ein Versagen des Menschen oder der Welt. Er hält sie für die Wahrheit seiner Situation. Wer vor ihr flieht — in Selbstbelügung, in schlechten Glauben (mauvaise foi), in die beruhigende Erzählung, dass man ja keine Wahl hatte — lebt unaufrichtig. Die Aufrichtigkeit, die Sartre verlangt, ist kein angenehmes Programm. Sie ist eine Zumutung.
Existenzialismus als Humanismus: Warum wir keine Opfer sind
Es wäre ein Missverständnis, all das als Plädoyer für Hoffnungslosigkeit zu lesen. Sartre hat seinen Vortrag von 1945 — der als Text unter dem Titel L’existentialisme est un humanisme erschien — auch gegen den Vorwurf der Negativität verteidigt, und sein Gegenargument ist überzeugend.
Der Existenzialismus ist ein Humanismus — nicht weil er den Menschen in Watte packt, sondern weil er ihm seine Würde zurückgibt. Die These, dass Existenz der Essenz vorausgeht, bedeutet nicht, dass der Mensch nichts ist. Sie bedeutet, dass er nichts ist, außer was er aus sich macht. Das ist eine zutiefst optimistische Formulierung: Der Mensch ist nicht das Opfer seiner Herkunft, seiner Biologie, seiner Geschichte. Er ist immer auch die Möglichkeit, anders zu handeln.
Die Subjektivität — das Ich, das wählt, das handelt, das sich selbst entwirft — ist für Sartre der einzig mögliche Ausgangspunkt. Und das moralische Handeln, das aus dieser Subjektivität folgt, ist kein willkürliches, weil jeder Mensch durch seine Entscheidung Verantwortung für die gesamte Menschheit übernimmt. Der Existenzialismus führt nicht in den Relativismus. Er führt in eine Moral, die nicht durch externe Gesetze abgesichert wird, sondern durch das volle Gewicht der eigenen Freiheit getragen werden muss.
Sartre hielt den Vortrag „Der Existenzialismus ist ein Humanismus" am 29. Oktober 1945 im Club Maintenant in Paris. Der Saal war überfüllt — Menschen standen auf den Fensterbänken. Der Text erschien im folgenden Jahr als Broschüre und wurde zu einem der meistgelesenen philosophischen Dokumente des 20. Jahrhunderts.
Was bleibt, ist eine Einladung — keine leichte, aber eine ehrliche. Wer den Satz Existenz geht der Essenz voraus wirklich denkt, muss aufhören, sein Leben als etwas zu lesen, das ihm passiert. Er muss es als etwas begreifen, das er schreibt. Diese Verschiebung des Blicks ist das, was Sartre meint, wenn er vom Menschen als Projekt spricht. Und es ist zugleich das, was Handeln und Moral in einem existenzialistischen Rahmen bedeuten kann — nicht Regelgehorsam, sondern die unabweisbare Autorschaft des eigenen Lebens.
Häufige Fragen (FAQ)
Häufige Fragen
- Was ist der Kernunterschied zwischen Essenz und Existenz bei Sartre?
- Bei Dingen und in der theologischen Tradition geht die Essenz — der Plan, die Natur, der Zweck — der Existenz voraus. Bei Sartre ist es beim Menschen umgekehrt: Der Mensch existiert zuerst, ohne vorgegebene Natur oder Zweck, und seine Essenz entsteht erst durch die Summe seiner Entscheidungen und Handlungen.
- Warum benutzt Jean-Paul Sartre das Beispiel des Brieföffners?
- Der Brieföffner illustriert, wie bei hergestellten Gegenständen die Essenz — Funktion und Zweck — dem Handwerker vorliegt, bevor der Gegenstand existiert. Diesen Fall stellt Sartre dem Menschen gegenüber: Ohne einen göttlichen Schöpfer gibt es keine Instanz, die dem Menschen einen vorgedachten Zweck mitgegeben hätte.
- Gilt der Satz 'Existenz geht der Essenz voraus' für alle Dinge?
- Nein. Sartre wendet ihn ausschließlich auf den Menschen an. Für hergestellte Gegenstände, Tiere und Pflanzen gilt weiterhin, dass ihre Natur oder Funktion vorgegeben ist. Der Satz trifft nur dort zu, wo ein Wesen sich selbst entwirft — und das ist für Sartre einzig der Mensch.
- Was bedeutet 'Verlassenheit' im Kontext des Existenzialismus?
- Verlassenheit bezeichnet bei Sartre die ontologische Situation, dass es keine externen Werte, keine göttliche Orientierung und keine verbindliche Natur gibt, auf die man sich stützen könnte. Der Mensch ist allein mit seiner Freiheit und muss sich verhalten, ohne dass irgendjemand oder irgendetwas ihm die Entscheidung abnimmt.
- Führt die radikale Freiheit zwangsläufig zur Willkür?
- Sartre verneint das. Weil jeder Mensch durch seine Wahl implizit auch für alle anderen Menschen wählt — weil jede Entscheidung ein Bild des Menschen entwirft, das man für gültig hält —, trägt die Freiheit eine universale Verantwortung in sich. Das ist kein moralisches Gesetz von außen, aber auch keine Beliebigkeit.
- Ist der Existenzialismus eine pessimistische Philosophie?
- Sartre selbst wies diesen Vorwurf zurück. Der Existenzialismus ist in seinem Sinne ein Humanismus: Er gibt dem Menschen seine Würde zurück, indem er ihn nicht als Opfer seiner Herkunft oder Natur begreift, sondern als das, was er aus sich macht. Die Zumutung der Freiheit ist zugleich die Bedingung echter Selbstbestimmung.