Literatur

Klassiker, die man gelesen haben muss

Gibt es Klassiker, die man gelesen haben muss? Dieser Essay fragt mit Dorian Gray, Faust, Kafka und Camus, warum alte Bücher bis heute weiterwirken.

klassiker die man gelesen haben muss

Jede Generation von Leserinnen und Lesern bekommt irgendwann eine Liste in die Hand gedrückt. Mal von der Deutschlehrerin, mal von einem Feuilleton, mal von einem Freund, der mit leuchtenden Augen von einem russischen Roman erzählt, der neunhundert Seiten hat. Auf solchen Listen stehen Klassiker, die man gelesen haben muss — und schon das Wort „muss“ verrät, dass hier etwas nicht ganz stimmt. Lektüre lässt sich nicht verordnen. Aber vielleicht lässt sich beschreiben, warum bestimmte Bücher seit Jahrzehnten, manche seit Jahrhunderten, immer wieder aufgeschlagen werden. Diese Betrachtung versucht genau das: keine Rangliste, sondern eine Annäherung an die Frage, was einen Klassiker ausmacht und welche Werke diese Frage besonders deutlich stellen.

Gibt es Klassiker, die man gelesen haben muss?

Die ehrliche Antwort lautet: Nein, und zugleich doch. Nein, weil niemand ein schlechterer Mensch ist, der den „Zauberberg“ nie zu Ende gelesen hat. Doch, weil es Bücher gibt, die das Gespräch einer Kultur so stark geprägt haben, dass man ohne sie manches Gespräch nur zur Hälfte versteht. Wer von einem „faustischen Pakt“ spricht, von „kafkaesken“ Behörden oder von einem „Don Quijote“, der gegen Windmühlen anrennt, zitiert Literatur, ob er will oder nicht.

Der italienische Schriftsteller Italo Calvino hat in seinem Essay „Warum Klassiker lesen?“ eine Reihe von Definitionen versucht. Eine davon ist bis heute die schönste: Ein Klassiker ist ein Buch, das nie aufhört zu sagen, was es zu sagen hat. Eine andere ist die ehrlichste: Klassiker seien Bücher, von denen man gewöhnlich sagt, man lese sie gerade wieder — nie, man lese sie zum ersten Mal. In dieser kleinen Scham steckt der ganze Druck, den der Kanon erzeugt.

Was ein Kanon überhaupt ist, wer ihn festlegt und warum er sich ständig verschiebt, beschreibt der Beitrag Was ist ein literarischer Kanon?. Für die folgenden Gedanken genügt eine Arbeitsdefinition: Ein Klassiker ist ein Text, der seine eigene Zeit überlebt hat, weil spätere Leser in ihm Fragen gefunden haben, die auch ihre eigenen waren.

Die Listen der zehn wichtigsten Bücher der Weltliteratur, die regelmäßig erscheinen, sind deshalb weniger Urteile als Momentaufnahmen. Sie zeigen, welche Fragen eine Gegenwart für dringlich hält. Interessanter als die Frage, welche Titel daraufstehen, ist die Frage, warum.

Meilensteine der Weltliteratur: Von Dorian Gray bis zur Moderne

Nehmen wir ein Buch, das auf beinahe jeder Liste auftaucht und dessen Name längst ein eigenes Leben führt: Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“. Der Roman erschien 1890 zunächst in einer Zeitschrift, ein Jahr später in erweiterter Buchfassung. Die Geschichte ist schnell erzählt — ein junger Mann bleibt schön, während sein Porträt an seiner Stelle altert und die Spuren seiner Taten trägt. Was sie zum Klassiker macht, ist nicht die Fabel, sondern die Frage dahinter: Was geschieht mit einem Menschen, der die Folgen seines Handelns nicht mehr sehen muss?

In einer Gegenwart, in der jeder sein eigenes Bild pflegt, filtert und verbreitet, liest sich der Roman beinahe unheimlich aktuell. Wildes berühmtes Vorwort endet mit dem Satz, alle Kunst sei völlig nutzlos. Man kann das als ästhetisches Bekenntnis lesen. Man kann es aber auch als Herausforderung verstehen: Gerade das Buch, das nichts nützen will, stellt die unbequemsten Fragen.

Ein Klassiker ist kein Buch, das man abhakt, sondern eines, das einen nach Jahren wieder einholt.

Ähnlich verhält es sich mit den großen Romanen des 19. Jahrhunderts. Flauberts „Madame Bovary“ und Tolstois „Anna Karenina“ erzählen von Frauen, die an den engen Rollen ihrer Gesellschaft zerbrechen, und beide Bücher schauen dabei genauer hin als jedes moralische Urteil. Dostojewskis „Schuld und Sühne“, in neueren Übersetzungen „Verbrechen und Strafe“, verfolgt einen Studenten, der sich einredet, für außergewöhnliche Menschen gälten andere Gesetze. Melvilles „Moby-Dick“ ist zugleich Abenteuergeschichte, Walfang-Enzyklopädie und Studie über eine Besessenheit, die ein ganzes Schiff mit in die Tiefe reißt.

Mit dem 20. Jahrhundert verändert sich die Form selbst. James Joyce lässt im „Ulysses“ einen einzigen Dubliner Tag auf mehreren hundert Seiten entstehen, Virginia Woolf folgt in „Mrs Dalloway“ den Gedanken ihrer Figuren, statt eine Handlung voranzutreiben. Diese Bücher verlangen Geduld, und sie belohnen sie mit einer neuen Art des Sehens. Wer tiefer in diesen Teil der Weltliteratur einsteigen möchte, findet im Beitrag über die besten Klassiker der Weltliteratur weitere Wegmarken.

Deutsche Klassiker und der lange Atem einer Tradition

Die deutschsprachige Literatur hat eine eigene Linie, und sie beginnt für viele Leser mit einem Schock: Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ von 1774 war ein europäischer Skandalerfolg, über den bis heute erzählt wird, junge Männer hätten Werthers Kleidung nachgeahmt. Der Briefroman über einen Liebenden, der an der Welt verzweifelt, hat nichts von seiner Unmittelbarkeit verloren. Goethes „Faust“, dessen erster Teil 1808 erschien, ist dagegen ein Buch für ein ganzes Leben: Man liest ihn mit siebzehn anders als mit fünfzig, und beide Lektüren haben recht.

Im 19. Jahrhundert stehen zwei sehr unterschiedliche Stimmen nebeneinander. Georg Büchners „Woyzeck“, ein Fragment, das erst lange nach dem Tod des Autors veröffentlicht wurde, zeigt einen einfachen Soldaten, den Armut, Medizin und Militär zermahlen. Theodor Fontanes „Effi Briest“ von 1896 erzählt leise und mit unendlicher Genauigkeit von einer jungen Frau, die die Konventionen ihrer Zeit nicht überlebt. Fontanes berühmter Schlusssatz — „Das ist ein weites Feld“ — ist zur Redewendung geworden, für alles, worüber sich nicht abschließend urteilen lässt.

Und dann Franz Kafka. „Die Verwandlung“ beginnt mit einem der bekanntesten ersten Sätze der Literatur, in dem Gregor Samsa als Ungeziefer erwacht, und „Der Process“ beschreibt einen Mann, der angeklagt wird, ohne je zu erfahren, wofür. Kafka schrieb 1904 in einem Brief, ein Buch müsse die Axt sein für das gefrorene Meer in uns. Es gibt kaum einen besseren Satz, um zu erklären, warum man solche Bücher liest: nicht zur Unterhaltung, nicht zur Bildung, sondern weil sie etwas aufbrechen.

Thomas Manns „Buddenbrooks“ von 1901 und „Der Zauberberg“ von 1924 runden das Bild ab: der Verfall einer Lübecker Kaufmannsfamilie und die Zeit selbst als Gegenstand eines Romans. Eine ausführlichere Wanderung durch diese Tradition unternimmt der Beitrag Deutsche Bücher, die man gelesen haben muss.

Philosophische Tiefe in der Literatur: Aufklärung und Existenzialismus

Manche Klassiker sind Romane, die Philosophie treiben, ohne es anzukündigen. Voltaires „Candide“ von 1759 ist eine bitterböse Satire auf den Optimismus, der behauptet, wir lebten in der besten aller möglichen Welten. Candide stolpert durch Krieg, Erdbeben und Inquisition, und am Ende bleibt nur der Rat, den eigenen Garten zu bestellen. Lessings „Nathan der Weise“ von 1779 trägt mit der Ringparabel den Gedanken der religiösen Toleranz auf die Bühne. Beide Texte sind Kinder der Aufklärung, jener Bewegung, die Kant als Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit beschrieben hat. Wie dieser Gedanke gemeint ist, erläutert der Beitrag Was ist Aufklärung? Kants Philosophie.

Zwei Jahrhunderte später stellt die Literatur eine radikalere Frage: Was, wenn es überhaupt keinen vorgegebenen Sinn gibt? Albert Camus’ „Der Fremde“ von 1942 erzählt von Meursault, der am Begräbnis seiner Mutter nicht weint und später einen Menschen tötet, ohne einen Grund nennen zu können. In „Die Pest“ von 1947 kämpfen die Bewohner einer Stadt gegen eine Epidemie, die keinen Sinn hat und gegen die man trotzdem anarbeiten muss. Jean-Paul Sartres Roman „Der Ekel“ von 1938 beschreibt das Erschrecken eines Mannes vor der bloßen Existenz der Dinge.

Diese Bücher sind keine Thesenpapiere in Romanform. Sie zeigen, wie sich ein philosophischer Gedanke anfühlt, wenn man ihn lebt. Wer die Gedankenwelt hinter ihnen genauer kennenlernen möchte, findet im Beitrag über den Einstieg in das Denken von Sartre und Camus eine Grundlage.

Wie man einen Klassiker beginnt

Die größte Hürde vor einem Klassiker ist oft nicht der Text, sondern sein Ruf. Wer „Krieg und Frieden“ aufschlägt, schlägt zugleich hundertfünfzig Jahre Bewunderung auf, und das kann lähmen. Es hilft, sich diesen Ruf bewusst vom Leib zu halten. Ein Roman will gelesen werden wie jeder andere: Seite für Seite, mit Neugier und mit dem Recht, ihn langweilig zu finden.

Ein guter Einstieg sind oft die kürzeren Werke großer Autoren. Kafkas „Verwandlung“ liest man an einem Abend, Camus’ „Fremden“ an einem Wochenende, Tolstois Erzählung „Der Tod des Iwan Iljitsch“ in wenigen Stunden. Wer an ihnen Gefallen findet, wagt sich leichter an die großen Romane. Auch das Wiederlesen gehört dazu: Ein Buch, das mit sechzehn eine Schullektüre war, kann mit vierzig ein vollkommen anderes sein. Calvinos Bemerkung über das „Wiederlesen“ ist deshalb vielleicht weniger Scham als Wahrheit.

Und schließlich darf man Bücher abbrechen. Kein Kanon verpflichtet zur Vollständigkeit. Ein Klassiker, der heute verschlossen bleibt, wartet manchmal nur auf einen anderen Augenblick im eigenen Leben.

Der zeitlose Wert des Lesens

Am Ende führt jede Liste von Büchern, die man lesen muss, zu derselben Einsicht: Das Wort „muss“ ist das falsche. Klassiker sind keine Pflicht, sondern ein Angebot. Sie bieten die Möglichkeit, mit Menschen zu sprechen, die vor hundert oder zweitausend Jahren dieselben Fragen gestellt haben wie wir — nach Liebe und Schuld, nach Freiheit und Tod, nach dem Sinn dessen, was wir tun. Dass ihre Antworten nicht unsere sein müssen, macht das Gespräch erst lohnend.

Welche Werke darüber hinaus in einen persönlichen Lesekanon gehören könnten, betrachtet der Beitrag Welche Bücher sollte man gelesen haben?. Die wichtigste Auswahl aber trifft jede Leserin und jeder Leser selbst — beim nächsten Griff ins Regal, beim nächsten Buch, das man aufschlägt, obwohl man es angeblich schon kennt.

Häufige Fragen (FAQ)

Häufige Fragen

Welche Bücher gehören zu den 10 wichtigsten der Weltliteratur?
Eine verbindliche Liste gibt es nicht, jede Auswahl spiegelt ihre Zeit. Häufig genannt werden etwa Homers Odyssee, Cervantes’ Don Quijote, Goethes Faust, Tolstois Anna Karenina, Dostojewskis Schuld und Sühne, Flauberts Madame Bovary, Melvilles Moby-Dick, Kafkas Der Process, Joyces Ulysses und Camus’ Der Fremde.
Warum sollte man heute noch deutsche Klassiker lesen?
Weil sie Fragen stellen, die nicht veraltet sind: nach Freiheit und Konvention bei Fontane, nach sozialer Ohnmacht bei Büchner, nach Macht und Ausgeliefertsein bei Kafka. Zudem prägen sie die Sprache bis heute, von der faustischen Sehnsucht bis zum kafkaesken Amt.
Ist das Bildnis des Dorian Gray ein Muss für jeden Leser?
Ein Muss ist kein Buch. Oscar Wildes Roman von 1890 lohnt sich aber besonders, weil er die Frage stellt, was mit einem Menschen geschieht, der die Folgen seines Handelns nicht mehr sehen muss. In einer Zeit der gepflegten Selbstbilder wirkt das erstaunlich gegenwärtig.
Ab wann gilt ein Buch offiziell als Klassiker?
Eine offizielle Grenze gibt es nicht. Als Klassiker gilt ein Werk, das seine Entstehungszeit überdauert hat, weil spätere Generationen es weiter lesen, deuten und zitieren. Italo Calvino beschrieb einen Klassiker als ein Buch, das nie aufhört zu sagen, was es zu sagen hat.
Wie findet man den Einstieg in anspruchsvolle Weltliteratur?
Kürzere Werke großer Autoren sind ein guter Anfang, etwa Kafkas Verwandlung, Camus’ Der Fremde oder Tolstois Der Tod des Iwan Iljitsch. Hilfreich ist auch, eine zweite Übersetzung zu probieren, wenn ein Text spröde wirkt, und Bücher ohne schlechtes Gewissen beiseitezulegen.
Welchen Einfluss hat die Philosophie auf klassische Romane?
Einen großen. Voltaires Candide und Lessings Nathan der Weise tragen Gedanken der Aufklärung, Camus’ Der Fremde und Sartres Der Ekel die Fragen des Existenzialismus. Solche Romane zeigen, wie sich ein philosophischer Gedanke im Leben einer Figur anfühlt.