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Lesungen bei Leuenhagen und Paris
Leuenhagen und Paris in Hannover veranstaltet seit über 60 Jahren Lesungen. Ein essayistischer Blick auf die Buchhandlung als kulturellen Ankerpunkt der Stadt.

Es gibt Orte in einer Stadt, die sich ihrer Funktion verweigern. Gemeint ist nicht, dass sie nutzlos wären — im Gegenteil. Gemeint ist, dass sie mehr tun, als ihre Adresse verspricht. Leuenhagen und Paris in Hannover ist so ein Ort: eine Buchhandlung auf der Lister Meile, die seit über sechzig Jahren Lesungen veranstaltet und dabei nie aufgehört hat zu fragen, warum Menschen eigentlich zusammenkommen, um einem anderen beim Lesen zuzuhören.
Die Buchhandlung als kultureller Ankerpunkt in Hannover
Wer die Lister Meile entlanggeht und bei Leuenhagen und Paris eintritt, betritt einen Raum, der sich nicht erklärt. Die Regale stehen dicht, die Auswahl ist kuratiert, und hinter dem Tresen sitzt jemand, der die Bücher kennt — nicht als Lagerware, sondern als Texte. Das ist keine Selbstverständlichkeit mehr, und in Hannover ist es seit Jahrzehnten mit einem bestimmten Namen verbunden.
Die Buchhandlung existiert, nach eigenen Angaben, seit den frühen Sechzigerjahren. Was in diesem Zeitraum passiert ist — in der Stadt, im Buchhandel, in der Lesekultur —, lässt sich kaum in einem Absatz fassen. Hannover hat sich verändert, der stationäre Handel hat gekämpft, und das Lesepublikum ist älter und jünger und wieder anders geworden. Leuenhagen und Paris hat all das überlebt, nicht durch Anpassung um jeden Preis, sondern durch eine Haltung: dass das Buch ein Gegenstand ist, der eine Einordnung verdient.
Diese Einordnung geschieht auch und gerade bei den Lesungen. Eine Veranstaltungsreihe, die über sechzig Jahre gewachsen ist, trägt Spuren: Spuren von Entscheidungen, welche Stimmen eingeladen wurden, welche Räume gesucht wurden, welches Publikum man für mündig genug hielt, um einem Gespräch über Literatur ernsthaft zu folgen. Das Programm von Leuenhagen und Paris ist kein Abbild des Literaturmarkts — es ist eine Meinung über ihn.
Wer verstehen will, warum die Lesungen dieser Buchhandlung einen eigenen Rang in der hannoverschen Kulturlandschaft haben, muss vielleicht zunächst verstehen, was eine literarische Form bewirkt, wenn sie aus dem Buch heraustritt und in einen Raum mit Menschen tritt. Die Lesung ist nicht das Buch. Sie ist etwas anderes — und dieser Unterschied ist der eigentliche Gegenstand.
Vom Pelikan Tintenturm bis zum Aegi: Räume der Begegnung
Eine Lesung braucht einen Raum, und der Raum verändert, was gehört wird. Leuenhagen und Paris hat im Laufe der Jahre an verschiedenen Orten in Hannover veranstaltet — im Pelikan Tintenturm, einem ehemaligen Industriebau, der in seiner Umnutzung eine eigene Geschichte mitbringt; in der Apostelkirche, einem sakralen Raum, dessen Akustik das gesprochene Wort anders trägt; im Theater am Aegi, das mit seiner Kapazität auch große Lesungen möglich macht.
Diese Varianz ist kein Zufall und kein Verlegenheitslösung. Sie zeigt, dass die Buchhandlung nicht an einem festen Veranstaltungsort klebt, sondern Räume sucht, die zum jeweiligen Anlass passen. Eine Krimi-Lesung braucht vielleicht die Intimität eines kleineren Saals; ein Gespräch mit einer politischen Persönlichkeit verträgt die größere Bühne. Der Ort ist Teil der Aussage.
Veranstaltungen entstehen nicht im Vakuum. Sie entstehen in Kooperationen: mit Kulturinstitutionen, mit anderen Buchhandlungen, mit Verlagen, die ihre Autor:innen nach Hannover bringen. Leuenhagen und Paris hat diese Netzwerke über Jahrzehnte gepflegt — und das zeigt sich im Programm. Es sind nicht nur die naheliegenden Namen zu Gast, die gerade eine neue Publikation vorstellen. Es sind auch die Stimmen, für die ein kuratives Urteil nötig ist, um sie in einer Stadt zu platzieren, die keinen Literaturmarkt-Reflex hat wie Berlin oder Frankfurt.
Der Raum verändert, was gehört wird. Die Apostelkirche trägt das gesprochene Wort anders als das Theater am Aegi — und beide anders als der Pelikan Tintenturm.
Die Frage, welche Räume für Begegnung taugen, ist letztlich eine Frage danach, was Begegnung bedeutet. Eine Lesung ist kein Konzert und kein Vortrag. Sie ist etwas Hybrides: das Vorlesen eines Textes, der für die stille Lektüre gemacht wurde, in einem Raum, der Körperwärme und Aufmerksamkeit akkumuliert. Dieser Widerspruch ist produktiv — er erzeugt eine Spannung, aus der etwas entsteht, das weder das Buch noch das Gespräch allein erzeugen könnte.
Das Live-Erlebnis: Wenn Autoren ihre Texte beleben
Benjamin Cors ist einer jener Autoren, die mit dem hannoverschen Publikum eine Art wiederkehrende Beziehung eingegangen sind. Der Thriller-Autor, der seine Bücher eng mit norddeutschen Schauplätzen verknüpft, bringt in der Lesung eine regionale Resonanz mit, die im Text latent bleibt und im Vortrag hörbar wird. Das ist kein Trick und kein Marketing — es ist das genuine Potenzial der Live-Lesung: dass ein Autor dem Text eine Stimme gibt, die der Leser im stillen Lesen selbst erfinden musste.
Sandra Lüpkes, ebenfalls ein Name im Leuenhagen-und-Paris-Kosmos, steht für eine andere Qualität: die Lesung als Werkgespräch, als Öffnung des Texts auf seine Entstehungsbedingungen hin. Wie kommt ein Satz in die Welt? Was bleibt von einer ersten Fassung, was verschwindet? Die Lesung, die sich solchen Fragen stellt, ist keine Zusammenfassung des Buchs — sie ist eine Erweiterung.
Ingo Siegner, der Erfinder des kleinen Drachen Kokosnuss, belegt, dass das Konzept auch in anderen Dimensionen funktioniert. Eine Kinderlesung ist keine abgespeckte Version der Erwachsenenveranstaltung — sie ist eine andere Form. Das Vorlesen für Kinder hat seine eigene Metaphysik: Die Zuhörer:innen sind noch in einem Alter, in dem die Grenze zwischen dem Gehörten und dem Erlebten durchlässig ist. Siegner weiß das, und seine Lesungen funktionieren, weil er diese Durchlässigkeit nicht pädagogisch verwaltet, sondern spielerisch nutzt.
Was diese drei Namen verbindet — Cors, Lüpkes, Siegner —, ist weniger ein Stil als eine Bereitschaft: die Bereitschaft, den Text in einer Öffentlichkeit zu riskieren. Das Buch ist fertig, wenn es erscheint. Die Lesung macht es noch einmal unffertig, noch einmal offen für das, was im Publikum passiert.
Prominenz und Intellekt: Zwischen Signierstunde und Diskurs
Zum Programm von Leuenhagen und Paris gehört auch das, was man vorsichtig als den prominenten Strang bezeichnen könnte. Angela Merkel hat gelesen — oder richtiger: hat aus ihren Memoiren gelesen, in einem der großen Hannoveraner Veranstaltungsräume, mit einer Besucherzahl, die zeigt, dass die Buchhandlung als Initiatorin auch Veranstaltungen tragen kann, die weit über das Stammpublikum hinausgehen.
Solche Abende sind eigenartig. Sie sind Lesung und etwas anderes zugleich: Zeugnis einer Person, die in der öffentlichen Wahrnehmung eine Rolle spielt, die durch das Buch nun eine weitere Schicht bekommt. Ob das Buch dabei der eigentliche Gegenstand bleibt oder zum Anlass für etwas anderes wird — für die Begegnung mit einer historischen Figur, für das kollektive Erleben einer Epoche —, ist eine Frage, die jedes Mitglied des Publikums für sich beantwortet.
Was Leuenhagen und Paris dabei gelingt, ist eine Gratwanderung: Prominenz einzuladen, ohne das Programm der Prominenz zu überlassen. Neben dem Abend mit einer ehemaligen Bundeskanzlerin stehen Lesungen von Debütant:innen, von Autor:innen, die in keiner Bestsellerliste auftauchen, von Stimmen, für deren Einladung es eines kuratorischen Urteils bedarf. Dass beides im selben Haus stattfindet, ist vielleicht das eigentliche Argument für die Institution: Sie hat einen Begriff von Literatur, der größer ist als der Markt.
Die Signierstunde, die vielen Lesungsabenden folgt, ist dabei nicht das Ziel, sondern das Ende. Sie markiert den Übergang vom öffentlichen zum privaten Verhältnis zum Buch — von der Lesung, die alle hören, zum Moment, in dem ein Exemplar mit einer Widmung zu einem einzigen gehört.
Die Metaphysik des Vorlesens: Warum wir das geschriebene Wort hören wollen
Die Frage stellt sich immer wieder, und sie hat keine befriedigende Antwort — nur interessante: Warum gehen Menschen zu Lesungen? Das Buch ist da. Man könnte es lesen. Die Stimme des Autors ist auf YouTube, falls man sie hören will. Was fehlt beim einsamen Lesen, das die Lesung geben kann?
Eine Antwort wäre: die Simultaneität. Im Saal erleben alle zur gleichen Zeit denselben Satz. Nicht denselben Satz auf verschiedenen Seiten, in verschiedenen Wochen, in verschiedenen Stimmungen — sondern denselben Satz jetzt, zusammen, unhintergehbar öffentlich. Das erzeugt eine Verbindlichkeit, die das private Lesen nicht kennt. Man kann ein Buch weglegen. Aus einer Lesung geht man nicht so leicht.
Eine andere Antwort wäre: die Sterblichkeit. Der Autor ist im Raum. Er oder sie trägt einen Text vor, der ihn oder sie überleben wird — und beide Seiten wissen das. Diese Situation ist seltsam und unwiederholbar. Es ist nicht wie ein Interview, das aufgezeichnet wird. Es ist ein Abend, der vergeht. Wer dabei war, trägt eine Erinnerung, die sich nicht teilen lässt.
Leuenhagen und Paris versteht sich, wenn man dem Programm über die Jahre folgt, als Ort dieser unwiederholbaren Abende. Die Buchhandlung als kuratorische Instanz und als physischer Raum trifft sich in der Lesung mit dem Publikum, das bereit ist, Zeit mitzubringen — nicht als Ressource, sondern als Geschenk an den Abend. Das ist nicht wenig. Es ist vielleicht das Einzige, was Kultur im eigentlichen Sinn bedeutet: dass Menschen zusammenkommen, um gemeinsam aufmerksam zu sein.
Die Frage, ob das in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit zur umkämpften Ware geworden ist, noch eine Zukunft hat, beantwortet jede ausverkaufte Lesung in der Apostelkirche. Die Antwort ist: ja. Noch.
Häufige Fragen (FAQ)
Häufige Fragen
- Wo finden die Lesungen von Leuenhagen & Paris in Hannover statt?
- Die Lesungen finden an verschiedenen Orten in Hannover statt, darunter der Pelikan Tintenturm, die Apostelkirche und das Theater am Aegi. Der Veranstaltungsort richtet sich nach dem jeweiligen Anlass und der erwarteten Besucherzahl.
- Welche bekannten Autoren treten regelmäßig bei Leuenhagen & Paris auf?
- Zum Programm gehören regionale Autoren wie Benjamin Cors und Sandra Lüpkes ebenso wie überregional bekannte Stimmen. Auch prominente Persönlichkeiten wie Angela Merkel haben bei Leuenhagen & Paris gelesen.
- Gibt es auch Veranstaltungen für Kinder, etwa Lesungen von Ingo Siegner?
- Ja, Kinderlesungen sind Teil des Programms. Ingo Siegner, bekannt durch den kleinen Drachen Kokosnuss, ist ein Beispiel für Autoren, die das jüngere Publikum ansprechen — mit einer Lesung, die eigene Regeln hat und nicht als Miniaturversion der Erwachsenenveranstaltung funktioniert.
- Wie unterscheidet sich das Erlebnis einer Live-Lesung vom stillen Lesen?
- Die Lesung erzeugt eine Simultaneität: Alle im Saal erleben denselben Satz zur selben Zeit. Das schafft eine Verbindlichkeit, die das private Lesen nicht kennt. Hinzu kommt die physische Präsenz des Autors — ein Abend, der vergeht und nicht wiederholbar ist.
- Warum gilt Leuenhagen & Paris als Institution der hannoverschen Lesekultur?
- Die Buchhandlung existiert seit über sechzig Jahren und hat in dieser Zeit ein Programm aufgebaut, das kuratiert statt vollständig ist. Das bedeutet: Nicht jede neue Publikation wird eingeladen, sondern Stimmen, für die ein kuratorisches Urteil nötig ist — das prägt eine eigene Haltung zur Literatur.