Machtclub #85
Russland – Woher kommst du, wohin gehst du?Vladimir Sorokin: Was sein wird
Sorokin (*1955) erzählt in fünfzehn Geschichten von Hofnarren, Henkern, Zwangsarbeitern, Bettlern und Dissidenten, die er auf ihren Lebenswegen ein Stück begleitet. Das alles passiert in einem Russland der Zukunft, in dem alle Brennstoffe ins Ausland verkauft wurden und die Mafia brutal regiert. Unterdessen leuchten in den Wohnzimmern die interaktiven 3-D-Ikonen des Herrschers und am Weihnachtstag erscheint den auf dem Roten Platz versammelten Kindern im Winterhimmel dessen lächelndes Antlitz. Nur logisch, dass die Gewalt in der Kleinfamilie wie eh und je stattfindet. Der Sohn wird von der Mutter geschlagen, die Mutter vom Vater, der Vater auf der Polizeistation. Den allgegenwärtigen Gewaltätigkeiten entfliehen die Menschen durch den Verzehr der nationalen Leckerei, einer Kremlreplik aus reinem Zucker. Russland befindet sich in einem Neumittelalter aus Technologie, Gewalt und Armut.
Nach seiner Erkundung eines Neumittelalter-Systemträgers im Roman: „Der Tag des Opritschniks“ von 2006 wollte Sorokin auch die anderen Bewohner dieser Welt kennenlernen. Im „Zuckerkreml“ verbindet er meisterhaft die Bitterkeit und Übersüße des russischen Lebensgefühls.
Vladimir Sorokin, „Der Zuckerkreml“, Kiepenheuer & Witsch 2010
Dmitry Glukovsky: Was sein könnte
Glukovskys (*1979) zwei Metro-Romane sind Bestseller. Nach einem Atomkrieg flohen die Menschen in die Moskauer Metro. Die seit Jahrzehnten verstrahlte Erdoberfläche ist unbewohnbar. Sie wird von Monstermutanten beherrscht. Die Unterwelt ist noch fragmentierter und verfeindeter als die Staaten auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. In der Metro ist die Hanse als Handelsmacht wiederauferstanden, es gibt Faschisten und Kommunisten, Brahmanen und Kannibalen, die dem technikfeindlichen Kult des „Großen Wurms“ huldigen.
Um seine am Rande des Systems liegende Heimatstation, die von unheimlichen Invasoren angegriffen wird, vor der endgültigen Vernichtung zu retten, macht sich der junge Artjom auf die Suche nach einem geheimnisvollen Objekt. Auf seiner Odyssee durch die U-Bahn bedeutet jede Station eine neue Wendung.
Glukovsky arbeitete als Journalist u.a. für den englischsprachigen Fernsehsender Russia Today. Neben seiner Muttersprache russisch spricht er fließend englisch, deutsch, französisch und hebräisch.
Wir freuen uns sehr auf diesen jungen russischen Autoren, der sich auch an den klassischen Vorbildern Turgenjew und Dostojewski orientiert.
Dmitry Glukovsky, „Metro 2033“/ „Metro 2034“, Heyne-Verlag
Datschaparty: Was ist
Im Anschluss gibt es auf der Cap San Diego Beats von DatschaParty. Das Datscha–Projekt gibt es seit April 2001. Die Datschisten wollen osteuropäische Musik zur Weltmusik machen. Sie wollen osteuropäische Lebensfreude bundesweit verbreiten. Sie wollen für uns alle einen Ort schaffen, in dem wir uns (unabhängig von der Muttersprache und dem Promiellenstand) zu Hause fühlen. Und schließlich wollen sie sich mit dem verdienten Geld eine Datscha auf der Krim bauen lassen. Also kurz: Lebensfreude gegen Weltuntergang.
Moderation: Panzerkreuzer Sven und Potemkin Posch



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